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15. September

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Interview mit David Loy

'Es wird einen neuen Buddhismus geben'

David LoyDer amerikanische Meditationslehrer, Wissenschaftler und Buchautor David Loy über seine Theorie des ‚erneuerten Buddhismus' im Westen und wie sich dadurch unser soziales System verändern kann.

U&W: Sie sprechen von einem ‚erneuerten Buddhismus' im Westen, was verstehen Sie darunter?

Loy: Wenn der Buddhismus von einer Kultur aufgenommen wird, passiert etwas sehr Spezielles: Der Buddhismus erobert nicht die bestehende vorherrschende Religion, sondern er interagiert mit ihr. In China zum Beispiel ist der Buddhismus mit dem Daoismus und dem Shan verschmolzen. Es ist spannend zu beobachten, was im Westen passiert, nämlich es gibt eine Interaktion mit der westlichen Psychologie. Der Buddhismus beeinflusst diese und umgekehrt. Viele Zen-Schüler und Zen-Lehrer in den USA sind ausgebildete Psychotherapeuten. Außerdem ist ein Vermischen zwischen dem Buddhismus und dem Wertesystem im Westen zu beobachten.

U&W: Gerade im Buddhismus geht es doch stark um die persönliche Veränderung?

Loy: Ja, sie passiert durch die Praxis, also durch Meditation. Im Westen allerdings liegt der Schwerpunkt eines religiösen Lebens im sozialen Engagement, was aus den abrahamitischen oder hebräischen Anliegen für soziale Gerechtigkeit resultiert. Uns wurde über viele Generationen hinweg erklärt, dass es an uns liegt, die Gesellschaft und deren soziale Strukturen zu verändern. Der Buddhismus im Westen wirkt mit dieser Grundeinstellung zusammen.

U&W: Sie beschäftigen sich vorwiegend mit dem ‚engagierten Buddhismus'. In Bezug auf soziale Fragen ist der Westen sehr weit fortgeschritten. Was kann der Buddhismus dazu beitragen oder davon lernen?

Loy: Im Westen herrscht die abrahamitische Einstellung zu Moral und Ethik, also die zugrunde liegende Dualität von Gut und Böse. Auch heute ist das noch unsere Perspektive, obwohl viele Menschen nicht mehr an Gott glauben. Die christliche Auslegung bezüglich Gut und Böse ist das, was unser Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit fördert. Im Buddhismus nennt man die fundamentale Dualität Ignoranz und Weisheit oder Illusion und Erwachen. Es geht um das Überwinden von Leid. Buddhismus entsprang und entwickelte sich in asiatischen, nicht-demokratischen Gesellschaften, weshalb der Fokus der ‚Religion' nicht auf sozialen Belangen lag, da man sich gegen das vorherrschende Regime nicht hätte durchsetzen können. Damit der Buddhismus aber überleben konnte, mussten die Menschen sich vorwiegend auf das Individuelle fokussieren. Erst heute, wo der Buddhismus im Westen und somit in demokratischen Gesellschaften angekommen ist, kann der buddhistische Schwerpunkt ‚Dukkah', also das Leiden zu überwinden, erweitert und institutionalisiert werden. Ein Beispiel: Buddha nennt die drei Wurzeln des Bösen: Gier, Hass und Illusion. Aus einer buddhistischen Perspektive haben wir diese drei Ursprünge im Westen institutionalisiert. Unser Wirtschaftssystem basiert auf Gier. In den USA ist Militarismus, Rassismus zum Beispiel im Umgang mit illegalen Einwanderern sogar schon institutionalisiert. Somit sind Bösartigkeit und Hass Teil unseres Systems.

U&W: In Afrika drohen Hunderttausende Menschen zu verhungern. Aufrufe der Caritas und vieler anderer christlicher Organisationen, in traditionell christlicher Manier Geld an Hilfsorganisationen zu spenden, gibt es seit jeher. Was könnte der Buddhismus in solchen Situationen beitragen?

Loy: Im Buddhismus ist das Anliegen ebenfalls, Verantwortung zu übernehmen. Die Motivation ist bloß eine andere: Nicht Gott und sein Wille, wie im Christentum, die zehn Gebote und unsere Pflicht, den Nächsten zu lieben, stehen im Vordergrund, sondern das Erkennen der Illusion, der Trennung der Menschen voneinander. Die Trennung zwischen mir und dir oder mir und den Menschen zum Beispiel am Horn von Afrika, das ist Illusion. Aufzuwachen bedeutet, von dieser Illusion der Dualität loszulassen und zu begreifen, dass wir Teil dieser Menschen sind.

U&W: Heutzutage wird mit dem Slogan ‚Geiz ist geil' geworben. Wie steht der Buddhismus dazu?

Loy: Im Buddhismus ist ‚das Böse' nichts Abstraktes. Geiz ist eine Form ‚des Bösen'. Wenn unser Verhalten durch Geiz motiviert ist, dann kann es zu schlechtem Karma und unangenehmen Situationen führen. Aus einer buddhistischen Perspektive könnte man unser Wirtschaftssystem als ‚böse' bezeichnen, da es uns in die Irre führt. Es lässt die Menschen denken, dass es sie glücklich macht, geizig zu sein. Der buddhistische Ansatz ist: So lange du versuchst, immer mehr und mehr zu bekommen, wirst du nicht glücklich werden.

U&W: Wie kann die Psychotherapie und -analyse mit dem Buddhismus in Verbindung gebracht werden?

Loy: Es gibt Menschen, die seit vielen Jahren den Buddhismus praktizieren, und es kann trotzdem sein, dass dies keine tiefe persönliche Veränderung bewirkt hat und sie noch immer ernsthafte Probleme haben. Wenn wir die Meditation mit bestimmten Formen der Psychotherapie kombinieren würden, könnte dies etwas bewirken.

U&W: Glauben Sie, dass wir im Westen andere Methoden und Ansätze brauchen als nur die Übung der Sitzmeditation und der Atembetrachtung? Es scheint vielen Menschen zu schwer und zu anstrengend zu sein, sie haben nicht genug Durchhaltevermögen.

Loy: Die Psychotherapie könnte auch hier hilfreich sein. Die buddhistische Übung verlangt Anstrengung im Sinne von Besinnlichkeit, Achtsamkeit und Meditation. Die Herausforderung ist also nicht, den Buddhismus zu vereinfachen, sondern Wege zu finden, damit die Menschen schonend und sanft die Vorteile der Übung erkennen können. Wer zu Beginn zu hart bei der Meditationsübung vorgeht, wird ziemlich sicher einen Rückschlag erleben. Es ist besser, jeden Tag fünf Minuten zu meditieren, als an einem Morgen eine Stunde und dann zwei Wochen nicht.



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